Sieben Darlings, die fast jede Organisation kennt
In fast jeder Organisation gibt es Dinge, die weiterlaufen, obwohl ihr Nutzen längst nicht mehr ganz klar ist.
Ein Meeting, das niemand mehr wirklich braucht.
Ein Report, der jeden Monat erstellt wird, aber kaum Entscheidungen beeinflusst.
Ein Projekt, das seit Jahren „strategisch wichtig“ ist, aber nie richtig Wirkung entfaltet.
Oder ein Tool, das eingeführt wurde, um Arbeit leichter zu machen, inzwischen aber selbst Arbeit erzeugt.
Solche Dinge sind selten böse gemeint. Meistens sind sie sogar aus guten Gründen entstanden. Sie haben einmal geholfen, Orientierung gegeben, Zusammenarbeit verbessert oder ein konkretes Problem gelöst.
Genau deshalb sind sie so schwer loszulassen.
Im KYDC nennen wir sie Darlings: Dinge, an denen Organisationen hängen, obwohl sie heute mehr Energie binden als Wirkung erzeugen. Sie sind vertraut, gewohnt, politisch abgesichert oder emotional aufgeladen. Und oft merkt man erst sehr spät, wie viel Aufmerksamkeit sie eigentlich kosten.
In diesem Artikel schauen wir auf sieben Darlings, die fast jede Organisation kennt.
1. Das Meeting, das einfach immer stattfindet
Kaum etwas hält sich so hartnäckig wie wiederkehrende Meetings.
Sie wurden irgendwann eingerichtet, weil es Abstimmung brauchte. Am Anfang war das sinnvoll. Menschen mussten Informationen teilen, Entscheidungen vorbereiten oder ein gemeinsames Verständnis herstellen.
Doch mit der Zeit verändert sich der Zweck. Das Projekt ist längst in einer anderen Phase. Die Zusammensetzung des Teams hat sich verändert. Entscheidungen werden an anderer Stelle getroffen. Trotzdem bleibt das Meeting im Kalender.
Typische Sätze dazu:
„Das haben wir jeden Montag.“
„Es ist gut, wenn alle einmal zusammenkommen.“
„Wir brauchen den Termin, falls etwas Wichtiges auftaucht.“
„Lass uns den Termin lieber noch nicht löschen.“
Das Problem dabei ist, dass sein Zweck nicht mehr geprüft wird.
Ein gutes Meeting erzeugt Klarheit, Entscheidung, Verbindung oder Bewegung. Ein Darling-Meeting erzeugt vor allem Anwesenheit.
Mini-Reflexion:
Wenn dieses (setze eines ein das dir vorschwebt) Meeting morgen ausfallen würde, was würde wirklich fehlen?
2. Der Report, den niemand mehr liest
Viele Organisationen produzieren erstaunlich viele Reports.
Monatsberichte, Statusübersichten, KPI-Dashboards, Fortschrittsfolien, Projektampeln, Management Updates. Manche davon sind wichtig. Andere werden erstellt, weil sie immer erstellt wurden.
Oft weiß niemand mehr genau, wer den Report wirklich nutzt. Trotzdem wird weiter gesammelt, formatiert, kommentiert und verschickt. Die Erstellung dauert Stunden oder Tage. Die Wirkung bleibt unklar.
Typische Sätze:
„Der Vorstand möchte das bestimmt sehen.“
„Das wurde früher immer gebraucht.“
„Wir wissen nicht genau, wer es liest, aber besser, wir liefern es weiter.“
„Wenn wir es stoppen, fragt bestimmt jemand danach.“
Reports werden häufig mit Kontrolle verwechselt. Dabei ist nicht jeder Report ein Steuerungsinstrument. Manche Reports sind nur ein Ritual der Absicherung.
Ein wirksamer Report hilft, bessere Entscheidungen zu treffen. Ein Darling-Report dokumentiert Aktivität, ohne Konsequenz zu erzeugen.
Mini-Reflexion:
Welche Entscheidung wurde zuletzt durch diesen Report besser?
3. Das Projekt, das nicht sterben darf
Manche Projekte sind offiziell noch aktiv, aber innerlich längst erschöpft.
Sie haben keinen klaren Zug mehr. Die Energie ist weg. Die ursprüngliche Hypothese hat sich nicht bestätigt. Der Nutzen ist unscharf. Trotzdem werden sie weitergeführt, weil schon so viel investiert wurde.
Zeit. Budget. Reputation. Präsentationen. Management-Aufmerksamkeit. Vielleicht sogar persönliche Karrieren.
Das macht das Beenden schwer.
Typische Sätze:
„Wir sind jetzt schon so weit gekommen.“
„Wir müssen dem Ganzen noch etwas Zeit geben.“
„Das wäre ein falsches Signal, wenn wir jetzt stoppen.“
„Wir können das Projekt nicht einfach beenden.“
Hier wirkt oft die Sunk Cost Logik: Was bereits investiert wurde, soll nicht verloren sein. Doch vergangene Kosten werden nicht dadurch sinnvoller, dass man weitere Kosten hinzufügt.
Ein Projekt darf beendet werden, wenn es gelernt hat, was zu lernen war. Nicht jedes Ende ist ein Scheitern. Manchmal ist es die reifste Entscheidung im Raum.
Mini-Reflexion:
Würden wir dieses Projekt heute noch einmal starten, wenn es noch nicht existieren würde?
4. Das Tool, das Arbeit sparen sollte und Arbeit erzeugt
Tools starten fast immer mit einem Versprechen.
Mehr Transparenz. Weniger Abstimmung. Bessere Zusammenarbeit. Schnellere Prozesse. Mehr Überblick.
Dann wird eingeführt, migriert, geschult und kommuniziert. Und irgendwann merkt man: Das Tool erzeugt auch neue Arbeit.
Daten müssen gepflegt werden. Felder müssen befüllt werden. Workflows müssen eingehalten werden. Menschen müssen erinnert werden. Und weil nicht alle konsequent mitmachen, entstehen zusätzliche Excel-Listen, Chatnachrichten und Abstimmungsrunden.
Das Tool wird Teil des Problems.
Typische Sätze:
„Eigentlich müsste das alles im Tool stehen.“
„Kannst du es zur Sicherheit noch in die Liste eintragen?“
„Das Tool ist gut, aber die Leute nutzen es falsch.“
„Wir haben zu viel investiert, um jetzt wieder zu wechseln.“
Ein gutes Tool reduziert Reibung. Ein Darling-Tool erzeugt Pflegeaufwand, Ausweichprozesse und Frust.
Mini-Reflexion:
Wird durch dieses Tool wirklich Arbeit einfacher oder nur Arbeit sichtbarer?
5. Die Rolle, die einmal Klarheit schaffen sollte
Organisationen schaffen gerne neue Rollen, wenn etwas unklar ist.
Koordinatoren, Owner, Leads, Schnittstellenrollen, Botschafter, Verantwortliche, Beauftragte. Oft mit guter Absicht: Jemand soll sich kümmern. Jemand soll verbinden. Jemand soll das Thema voranbringen.
Doch nicht jede neue Rolle schafft Klarheit. Manche Rollen überdecken nur, dass Entscheidungen, Verantwortlichkeiten oder Prioritäten nicht sauber geklärt sind.
Dann entsteht ein Darling: eine Rolle, die wichtig klingt, aber im Alltag schwer greifbar bleibt.
Typische Sätze:
„Das müsste eigentlich über diese Rolle laufen.“
„Wir wissen nicht genau, was die Person entscheiden darf.“
„Die Rolle ist wichtig für die Schnittstelle.“
„Ohne diese Rolle würde das Thema untergehen.“
Rollen können Organisationen entlasten. Aber nur, wenn Mandat, Verantwortung und Entscheidungsspielraum klar sind.
Eine Rolle ohne klares Mandat wird schnell zur menschlichen Zwischenablage.
Mini-Reflexion:
Welche Entscheidung darf diese Rolle wirklich treffen?
6. Das Format, das einmal Energie erzeugt hat
Viele Formate starten stark.
Ein Strategie-Offsite. Ein Innovationsformat. Ein Community-Treffen. Ein Review. Ein Learning Circle. Ein Austauschformat.
Beim ersten Mal ist Energie im Raum. Menschen sind neugierig, bringen Themen ein und erleben etwas Neues. Danach wird das Format wiederholt. Und wiederholt. Und wiederholt.
Irgendwann ist es nicht mehr frisch, sondern Pflicht. Die Dramaturgie bleibt gleich, obwohl sich die Bedürfnisse verändert haben. Die Einladung klingt vertraut. Die Beteiligung sinkt. Niemand will es offen sagen, aber viele spüren: Das Format trägt nicht mehr wie am Anfang.
Typische Sätze:
„Das war letztes Jahr richtig gut.“
„Wir sollten das auf jeden Fall beibehalten.“
„Vielleicht war diesmal einfach nur der Zeitpunkt ungünstig.“
„Das Format gehört inzwischen zu uns.“
Auch gute Formate haben ein Haltbarkeitsdatum. Sie müssen weiterentwickelt, reduziert oder beendet werden, wenn sie keine Wirkung mehr erzeugen.
Ein gutes Format ist ein Mittel, um etwas möglich zu machen.
Mini-Reflexion:
Welche Wirkung soll dieses Format heute erzeugen und tut es das noch?
7. Die Initiative, die zu allem passen soll
Manche Initiativen werden so groß, dass sie irgendwann alles bedeuten.
Sie sollen Kultur verändern, Innovation fördern, Zusammenarbeit verbessern, Kundenorientierung stärken, Digitalisierung beschleunigen und Führung entwickeln. Alles gleichzeitig.
Am Anfang klingt das kraftvoll. Später wird es diffus.
Wenn eine Initiative zu breit wird, kann fast jeder etwas darunter verstehen. Aber genau dadurch wird sie schwer steuerbar. Es gibt viele Aktivitäten, aber wenig klare Entscheidungen. Viele Beteiligte, aber wenig Fokus. Viele Präsentationen, aber wenig spürbare Veränderung.
Typische Sätze:
„Das zahlt alles auf unsere Transformation ein.“
„Wir müssen das ganzheitlich denken.“
„Das Thema ist so wichtig, das betrifft eigentlich alle.“
„Wir dürfen es nicht zu eng schneiden.“
Breite kann verbinden. Zu viel Breite kann lähmen.
Eine wirksame Initiative braucht Klarheit darüber, was sie leistet und was nicht. Sonst wird sie zum Container für alles, was gerade wichtig klingt.
Mini-Reflexion:
Was gehört bewusst nicht zu dieser Initiative?
8. Was du mit deinen Darlings tun kannst
Wenn du eines oder mehrere dieser Darlings in deiner Organisation wiedererkennst, ist das kein Grund zur Selbstanklage. Es ist eher ein gutes Signal. Denn sichtbar gewordener Ballast lässt sich bearbeiten. Unsichtbarer Ballast läuft einfach weiter.
Wichtig ist: Nicht jedes Darling muss sofort beendet werden. Manche Dinge brauchen nur eine neue Form. Manche müssen kleiner werden. Manche sollten seltener stattfinden. Manche brauchen einen klareren Zweck. Und manche dürfen wirklich gehen.
Der erste Schritt besteht vor allem darin, gemeinsam genauer hinzuschauen.
Welche Meetings kosten viel Energie, bringen aber kaum Entscheidungen? Welche Reports werden erstellt, aber selten genutzt? Welche Projekte laufen weiter, obwohl niemand mehr wirklich daran glaubt? Welche Rollen, Routinen oder Tools haben einmal geholfen, sind heute aber eher Teil des Problems?
Darlings werden leichter besprechbar, wenn du sie nicht als Fehler markierst, sondern als Dinge, die einmal sinnvoll waren und heute neu geprüft werden dürfen.
9. Drei einfache Fragen für den Einstieg
Du brauchst nicht sofort einen großen Exnovationsprozess. Oft reichen drei einfache Fragen, um ein erstes Gespräch zu öffnen.
1. Was läuft weiter, obwohl der Nutzen unklar geworden ist?
Diese Frage hilft, Routinen, Formate oder Projekte sichtbar zu machen, die nicht mehr aktiv entschieden werden. Sie laufen, weil sie eben laufen.
2. Was würden wir heute nicht mehr neu starten?
Diese Frage nimmt etwas Druck aus der Diskussion. Es geht nicht darum, frühere Entscheidungen abzuwerten. Es geht darum, aus heutiger Sicht neu zu prüfen, ob etwas noch sinnvoll ist.
3. Was würde frei werden, wenn wir es reduzieren oder beenden?
Diese Frage verschiebt den Blick. Loslassen klingt oft nach Verlust. Aber eigentlich geht es um frei werdende Zeit, Aufmerksamkeit, Energie, Budget und Entscheidungskraft.
Genau hier beginnt der so dringen gewünschte Fokus. Nicht bei der nächsten Prioritätenliste, sondern bei der ehrlichen Frage, was überhaupt noch Raum bekommen sollte.
10. Warum Darlings selten allein gehen
Viele Organisationen wissen ziemlich genau, was zu viel geworden ist. In Workshops, Retrospektiven oder Strategierunden tauchen die gleichen Themen immer wieder auf. Trotzdem passiert oft wenig.
Das liegt daran, dass Darlings selten nur sachliche Themen sind. Sie hängen an Gewohnheiten, Zuständigkeiten, Erfolgsbildern, politischen Rücksichten und persönlichen Geschichten.
Ein Meeting ist nicht nur ein Meeting. Es ist vielleicht der Ort, an dem eine Abteilung sichtbar bleibt.
Ein Report ist nicht nur ein Report. Er ist vielleicht ein Sicherheitsritual.
Ein Projekt ist nicht nur ein Projekt. Es ist vielleicht mit einer früheren Entscheidung, einem Budget oder einer Führungskraft verbunden.
Deshalb braucht gekonntes und wirksames Loslassen Sprache, Struktur und einen Rahmen, in dem man Dinge prüfen kann, ohne sofort Schuldige zu suchen.
11. Kleine Experimente statt großer Schnitt
Wenn ein Darling nicht eindeutig beendet werden kann, hilft oft ein begrenzter Test.
Ein Meeting muss nicht sofort abgeschafft werden. Vielleicht wird es für sechs Wochen halbiert.
Ein Report muss nicht sofort verschwinden. Vielleicht wird geprüft, wer ihn wirklich nutzt.
Ein Projekt muss nicht sofort gestoppt werden. Vielleicht wird ein klarer Entscheidungspunkt gesetzt: Welche Evidenz brauchen wir bis wann, damit es weitergeht?
Ein Tool muss nicht sofort abgelöst werden. Vielleicht wird zuerst sichtbar gemacht, welche Arbeit es wirklich erleichtert und wo es zusätzliche Komplexität erzeugt.
Solche Tests machen Loslassen leichter. Sie reduzieren das Risiko, nehmen Drama aus der Entscheidung und erzeugen bessere Beobachtungen.
Die Frage lautet dann nicht: „Beenden wir das jetzt für immer?“
Sondern: „Was können wir für einen begrenzten Zeitraum verändern, um zu lernen, ob wir es wirklich noch brauchen?“
12. Der KYDC-Blick auf Darlings
Im Kill Your Darlings Club geht es immer darum, bewusster zu entscheiden, was bleiben darf und was nicht mehr denselben Raum bekommen sollte.
Darlings sind dabei ein hilfreicher Begriff, weil er anerkennt: Viele Dinge, die heute zu viel geworden sind, waren einmal wertvoll. Sie hatten einen Zweck. Sie haben geholfen. Menschen haben Energie hineingegeben.
Gerade deshalb ist es so wichtig, respektvoll mit ihnen umzugehen.
Loslassen heißt nicht: „Das war alles falsch.“
Loslassen heißt: „Wir prüfen, ob es heute noch sinnvoll ist.“
Diese Unterscheidung macht es leichter, ehrlich zu werden, ohne destruktiv zu werden.
13. Fazit: Fokus beginnt mit dem Mut zur Prüfung
Fast jede Organisation kennt diese sieben Darlings: Meetings, Reports, Projekte, Rollen, Routinen, Tools und Formate, die einmal sinnvoll waren und heute neu betrachtet werden sollten.
Das Problem ist selten ein einzelnes Darling. Das Problem entsteht durch die Summe. Ein bisschen zu viele Meetings. Ein paar zu viele Reports. Einige Projekte ohne klare Wirkung. Zu viele Routinen, die niemand mehr hinterfragt. Zu viele Tools, die den Alltag eher schwerer machen.
So entsteht Überladung.
Und genau deshalb beginnt Fokus mit der konsequenten Bereitschaft, bestehende Dinge ehrlich zu prüfen.
Was trägt noch?
Was bindet Energie?
Was braucht eine neue Form?
Was darf weniger werden?
Und was kann vielleicht endlich gehen?
Vielleicht ist genau jetzt ein guter Moment, in deinem Team oder deiner Organisation nach dem ersten killbaren Darling zu fragen.