Wie psychologische Biases Führungskräfte am Loslassen hindern
Ein Produkt, das seit Jahren kaum Umsatz macht, wird trotzdem jedes Jahr wieder in die Planung aufgenommen – mit der Hoffnung „Nächstes Jahr wird es sicher besser“.
Oder: Ein IT-System, das alle nervt, aber „zu teuer war, um es jetzt abzuschalten“.
Rational ist klar: Bestimmte Produkte, Projekte oder Prozesse sind längst überfällig. Trotzdem laufen sie weiter, fressen Budget, Zeit und Nerven. Warum?
Weil dein Gehirn (und das deiner Kolleg:innen) nicht für klare, kalte Excel-Logik gebaut ist, sondern für Schutz, Sicherheit und Selbstwert. Und genau da kommen psychologische Biases ins Spiel, die dich als Führungskraft viel subtiler bremsen, als dir lieb ist.
In diesem Artikel schauen wir uns an, welche Denkfehler dich beim Loslassen erwischen – und was du konkret tun kannst, um trotzdem gute, mutige Entscheidungen zu treffen.
Was Exnovation eigentlich ist (und was nicht)
Exnovation ist kein „wir lassen das mal auslaufen und schauen, was passiert“, sondern ein transparenter, kommunizierter und bewusster Schritt. Es ist das gezielte, bewusste Abschaffen von Angeboten, Prozessen, Produkten, Strukturen oder Ritualen, die heute mehr Energie kosten als Nutzen bringen, um Platz für Neues zu schaffen. Erst wenn auch bewusst Dinge beendet werden, entstehen überhaupt Kapazitäten für strategische Themen.
Weshalb ist Loslassen so schwer? Unser Gehirn liebt Sicherheit
Schon lange ist der Mythos vom Homo Oeconomicus widerlegt, der besagt, dass wir Menschen rein rationale, nutzenmaximierende Entscheidungsmaschinen sind.
Wir treffen Entscheidungen nicht in einem neutralen Raum, sondern unter Unsicherheit, politischem Druck, Erwartungshaltungen und Emotionen. Unser Gehirn hat in diesen Situationen einen klaren Auftrag: Schmerz vermeiden, Status sichern und Ungewissheit reduzieren.
Dafür nutzt es Abkürzungen, sogenannte Heuristiken, die in vielen Situationen hilfreich sind, da sie kognitive Energie sparen und zu schnellen Entscheidungen führen. Alternativ könnte man auch Intuition oder Faustregel dazu sagen. Ein daraus entstehender „Bias“ hingegen ist ein systematischer Denkfehler bzw. eine Voreingenommenheit, der beispielsweise bei strategischen Entscheidungen ordentlich in die Irre führen kann.
Schauen wir uns ein paar der mächtigsten Biases an, die dich und dein Führungsteam vom Loslassen abhalten.
Bias #1: Verlustaversion – „Lieber gewinne ich nichts, als etwas zu verlieren!“
Verlustaversion bedeutet, dass wir potenzielle Verluste emotional etwa doppelt so stark gewichten wie gleich hohe Gewinne.
Das Einstellen eines Produkts fühlt sich wie ein „Verlust“ an: Budget, Status, Einfluss, „mein Baby“. Das, was dann nicht mehr da ist, wiegt schwerer, als das, was dadurch gewonnen werden kann, z.B. Ressourcen für neue strategische Themen.
Typische, durchaus gerechtfertigte, Sätze im Unternehmen:
„Wir können dieses Angebot doch nicht einfach streichen, da hängen Arbeitsplätze/Image/Beziehungen dran.“
„Was, wenn wir das bereuen und der Markt nächstes Jahr wieder anzieht?“
Mini Reflexion für dich:
Wovor hast du eigentlich Angst? Marktanteile zu verlieren? Oder eher Status, Gesicht, Kontrolle?
Bias #2: Sunk Cost Fallacy – „Da haben wir jetzt schon so viel investiert.“
Die Sunk Cost Fallacy beschreibt unsere Tendenz, an einer Entscheidung festzuhalten, je mehr Zeit, Geld (vor allem Geld!) oder Energie wir bereits investiert haben, obwohl diese Kosten in der Gegenwart irreversibel sind und für die weitere Entscheidung eigentlich irrelevant sein sollten.
Typische Beispiele aus der Praxis:
Das CRM-System, in das schon „7-stellig investiert wurde“, obwohl niemand es gerne nutzt.
Der Messestand, der seit Jahren nichts bringt, aber „wir sind da einfach immer schon dabei“.
Die Sunk Cost Fallacy wird durch Verlustaversion verstärkt: Wir wollen uns ungern eingestehen, dass eine Investition ein Fehler war, weil wir sie sonst verlieren würden.
Mini Reflexion für dich:
Wenn du heute neu entscheiden würdest, ohne die bisherige Investition zu kennen, würdest du dieses Projekt wieder starten?
Bias #3: IKEA-Effekt – „Das hab ICH gebaut!“
Unter dem IKEA-Effekt verstehen wir die Tendenz, Dinge, in die wir viel eigene Arbeit gesteckt haben, systematisch in ihrem Wert? zu überschätzen.
Beispiele aus der Praxis:
Ein Führungsteam hält an einem selbst entwickelten Strategie-Framework fest, obwohl es im Alltag niemand nutzt.
Die inhouse entwickelte „Speziallösung“, an der das Team seit Jahren schraubt, wird gegenüber guten Standardlösungen bevorzugt.
Unser Gehirn sagt hier: „Das haben wir gebaut, also muss es gut sein.“
Je mehr persönliche Identität und Herzblut in etwas steckt, desto schwerer fällt das Loslassen, selbst wenn Markt, Team und Zahlen eine andere Sprache sprechen.
Mini Reflexion für dich:
Bewertest du dieses Projekt gerade als Führungskraft oder als stolze:r Erbauer:in?
Bias #4: Status-quo-Bias – „Hauptsache, alles bleibt, wie es ist.“
Der Status-quo-Bias bringt uns dazu, den aktuellen Zustand zu bevorzugen, selbst wenn objektive Alternativen besser wären. Veränderung wird systematisch überschätzt in ihren Risiken und unterschätzt in ihren Chancen.
Typische Sätze:
„Lass uns lieber nichts Großes verändern, sonst bringen wir alles durcheinander.“
„Das läuft jetzt zwar nicht optimal, aber immerhin wissen wir, womit wir es zu tun haben.“
Exnovation bedeutet nicht nur Abschied, sondern auch vorübergehende Unsicherheit. Und genau die versucht unser Gehirn zu vermeiden.
Mini Reflexion für dich:
Hältst du an diesem Angebot fest, weil es wirklich sinnvoll ist, oder weil es dir vertraut ist?
Bias #5: Additives Denken – „Mehr ist immer besser.“
Menschen denken bei Verbesserungen erstaunlich selten in „Was können wir weglassen?“, sondern fast immer in „Was können wir zusätzlich machen?“:
Statt ein veraltetes Produkt zu streichen, wird eine „Plus“-Variante oben drauf gesetzt.
Statt Rollen zu bereinigen, wird noch ein „Koordinator“ oder eine „Projektstelle“ geschaffen.
Das Ergebnis: Ein immer voller werdendes Portfolio. Kein Platz für Fokus. Exnovation findet nicht statt, weil es nicht als Option mitgedacht wird.
Mini Reflexion für dich:
Wenn wir dieses neue Projekt starten, was lassen wir im Gegenzug bewusst weg?
Schwingt immer mit: Selbstwert & Identität – „Wenn das wegfällt, was sagt das über mich?“
Exnovation ist nicht nur eine betriebswirtschaftliche Übung, sondern immer auch eine Identitätsfrage. Viele Angebote, Bereiche oder Projekte sind eng mit der Identität von Führungskräften verknüpft („Das ist mein Bereich“, „Das habe ich aufgebaut“, „Was, wenn ich das jetzt stoppe und uns dann doch Chancen entgehen?“).
Beispiele aus der Praxis:
Gründer:innen hängen an Angeboten, mit denen sie gestartet sind, auch wenn der Markt längst weitergezogen ist.
Führungskräfte vermeiden Entscheidungen, die wie ein Eingeständnis von Fehlern aussehen könnten.
Das Problem: Solange Exnovation als persönlicher Misserfolg gelesen wird, ist jede Entscheidung gegen Altlasten hochpolitisch und emotional aufgeladen.
Mini Reflexion für dich:
Was genau bedroht Exnovation hier gerade? Wirklich die Zahlen oder mein Selbstbild?
Wie sich diese Biases im Alltag zeigen
Wenn du mit einem Führungsteam mal ehrlich auf Portfolio, Projekte oder interne Routinen schaust, tauchen immer wieder ähnliche Muster auf:
Auf Post-its oder in Listen stehen Dinge, bei denen alle im Raum innerlich nicken: „Eigentlich müsste das weg.“
Laut ausgesprochen wird das aber nur vorsichtig, mit nervösem Lachen und Rechtfertigungen: „Das ist kompliziert…“.
Schnell kommen Sätze wie:
„Das besprechen wir besser nochmal mit XY, bevor wir hier was entscheiden.“
„Lasst uns erstmal schauen, wie sich das entwickelt.“
Das ist kein Zeichen von Unfähigkeit, sondern von sehr menschlichen Gehirnen unter Unsicherheit. Und genau deshalb lohnt es sich, bewusst Strukturen zu bauen, die gutes Entscheiden unterstützen.
Was Exnovation mit guter Führung zu tun hat
Exnovation ist ein Reife-Test für Führung.
Denn dafür brauchst du…
die Fähigkeit, Zukunftsorientierung höher zu gewichten als Vergangenheitsinvestitionen,
die Bereitschaft, eigene Fehlentscheidungen öffentlich zu korrigieren,
den Mut, auch unpopuläre Entscheidungen zu vertreten, ohne Schuldige zu suchen.
Führung heißt nicht, alles immer weiterzutragen, was einmal begonnen wurde. Führung heißt auch, den Mut zu haben, Aktivitäten, Produkte und Strukturen zu beenden, wenn sie ihren Zweck erfüllt haben oder schlicht nicht (mehr) funktionieren.
Reflexionsfragen für deinen nächsten Exnovations-Moment
Nimm dir ein konkretes Projekt, Produkt oder Angebot vor, das du schon länger „im Auge hast“, und geh gedanklich diese Fragen durch:
Schritt 1: Zukunft statt Vergangenheit
Wenn wir heute neu entscheiden würden: Würden wir dieses Thema noch einmal starten?
Welchen konkreten Nutzen erwarten wir in den nächsten 12 Monaten für Kund:innen, Team und Unternehmen?
Was kostet uns dieses Thema in Zukunft (Geld, Zeit, Aufmerksamkeit, Opportunitätskosten)?
Schritt 2: Biases sichtbar machen
Welche Biases erkenne ich in unserer Argumentation? Verlustaversion? Sunk Cost? IKEA-Effekt? Status-quo?
Welche Sätze fallen im Führungskreis rund um dieses Thema immer wieder auf? Und sind das wirklich Fakten oder eher Rechtfertigungen?
Wer hat persönlich etwas zu verlieren, wenn wir dieses Thema beenden? Wie beeinflusst das unsere Diskussion?
Schritt 3: Perspektivwechsel
Welche Entscheidung würde eine externe, neutrale Person treffen, die unsere Historie nicht kennt?
Was würde ich entscheiden, wenn die bisher investierten Mittel keine Rolle spielen dürften?
Was würde ich tun, wenn ich keine Angst hätte, Kritik für diese Entscheidung zu bekommen?
Schritt 4: Organisation & Kultur
Wann haben wir zuletzt etwas sichtbar beendet? Wie sind wir damit umgegangen?
Welche Signale sende ich als Führungskraft, wenn ich Dinge mutig loslasse?
Was müsste passieren, damit Loslassen als Stärke und nicht als Schwäche wahrgenommen wird?
Wie können wir Exnovation zu einem normalen Bestandteil unseres Jahresrhythmus machen (z.B. regelmäßige „Kill your Darlings“-Reviews, Portfolio-Check-ins)?
Konkrete Handlungsimpulse: So kannst du deinen Biases etwas entgegensetzen
Damit das Ganze nicht theoretisch bleibt, hier ein paar sehr praktische Hebel, die du als Führungskraft anwenden kannst.
1. Entscheidungen bewusst „Future-only“ treffen
Führe im Führungskreis eine klare Regel ein:
Vergangene Kosten (Zeit, Geld, Energie) zählen in der Entscheidung nicht.
Wir entscheiden ausschließlich anhand des erwarteten zukünftigen Nutzens und der Alternativen.
Das klingt banal, verändert aber die Diskussion im Raum deutlich. Vor allem, wenn jemand auf „Aber wir haben doch schon…“ zurückfällt und ihr das freundlich, aber konsequent stoppt.
Konkrete Fragen bei Entscheidungen:
Welcher zukünftige Wert entsteht?
Welche zukünftigen Kosten fallen an?
Was ist die beste Alternative, wenn wir es nicht weiterführen?
2. „Was lassen wir weg?“ zur Standardfrage machen
Mach Subtraktion zur Routine:
Bei jeder neuen Initiative, jedem Projekt, jedem neuen Format: „Was lassen wir im Gegenzug weg, reduzieren oder beenden?“
Keine neue Initiative ohne bewusstes Weglassen.
Das hilft, additives Denken zu durchbrechen und bewusstes Loslassen nicht zu einem Sonderfall zu machen, für den nie Zeit ist.
3. Portfolios regelmäßig auf „Zombie-Projekte“ scannen
Statt alle heiligen Zeiten einmal aufzuräumen, baue Exnovation als wiederkehrendes Format ein, z.B.:
Einmal pro Quartal oder Halbjahr:
Alle laufenden Projekte/Produkte/Initiativen auf einen Blick.
Kriterien definieren (z.B. Beitrag zur Strategie, Kundennutzen, Evidenz, Energie im Team).
Aktiv suchen nach:
Themen, die nur aus Gewohnheit laufen.
Themen, die niemand mehr aktiv verteidigt, außer denen, die sie mal gestartet haben.
Ergebnis: Bewusst beenden, einfrieren oder radikal vereinfachen.
4. Exnovation entpersonalisieren
Hier hast du als Führungskraft enormen Einfluss. Sorge mit deinem Verhalten dafür, dass das Beenden eines Themas nicht automatisch als persönliches Scheitern gelesen wird:
Wähle deine Sprache bewusst:
Nicht: „Dieses Projekt ist gescheitert.“
Sondern: „Dieses Projekt hat seinen Zweck erfüllt / seine Hypothese wurde widerlegt.“
Mache Lerngewinne sichtbar: „Was haben wir durch dieses Projekt gelernt, das uns für zukünftige Entscheidungen smarter macht?“
Führungsversprechen: „Wir hängen Leistung nicht daran, dass jede Initiative ‚erfolgreich‘ ist, sondern daran, wie konsequent wir aus ihr lernen und handeln.“
5. Externe Perspektiven normalisieren
Hol dir bewusst Menschen ins Boot, die nicht in eure Historie verstrickt sind:
Externe Sparringspartner:innen, Advisory Boards, Peer-Gruppen.
Experimentiere z.B. mit Kurzformaten wie:
„Reverse Pitch“: Ihr pitcht, warum ein Projekt weiterlaufen darf, und die Externen challengen.
„Pre-Mortem“: Ihr tut so, als wäre das Projekt in einem Jahr eingestellt worden, und fragt: „Was hat dazu geführt?“
Der Effekt: Eure Biases werden sichtbarer, weil jemand sie nicht teilt. Daraus entstehen Diskussionen auf einem ganz anderen Level.
6. Exnovation sichtbar machen, inklusive Emotionen
Wenn ihr etwas beendet, macht es sichtbar:
Kommuniziert klar:
Was genau wir beenden.
Weshalb wir es tun.
Was wir daraus gelernt haben.
Wofür dadurch Energie frei wird.
Plant bewusst Raum für Emotionen ein: Enttäuschung, Frust, Trauer, Wut und auch Angst. Das sind normale emotionale Reaktionen.
Und: Markiert auch den Übergang. Ein kleines „Ritual des Loslassens“ kann helfen, das Thema innerlich abzuschließen.
Fazit: Exnovation ist deine tägliche Führungsaufgabe
Biases verschwinden nicht, nur weil du sie kennst. Sie werden dich auch morgen wieder einholen, vielleicht ertappst du dich und dein Team jetzt schneller dabei. Und du kannst Strukturen, Fragen und Rituale schaffen, die dir helfen, trotzdem mutig zu entscheiden:
Du kannst regelmäßig in die Zukunft statt in die Vergangenheit schauen.
Du kannst Subtraktion zur Standardpraxis machen.
Du kannst Exnovation entdramatisieren, für dich selbst und für dein Team.
Du kannst Raum für Emotionen und zu euch passende Loslass-Rituale schaffen.
Und vielleicht ist genau jetzt ein guter Moment, dich zu fragen:
Welches Produkt, welches Projekt oder welcher Prozess in deinem Verantwortungsbereich würde dein zukünftiges Ich dir danken, wenn du es heute mutig loslässt?